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Pirmin Holdener im Interview mit dem Tages-Anzeiger: Wie wir unsere Gärten wieder lebendig machen

Bild von Pirmin Holdener im Interview mit dem Tages-Anzeiger: Wie wir unsere Gärten wieder lebendig machen

Kürzlich erschien in den Medientiteln von Tamedia ein Interview mit Pirmin Holdener. In der Rubrik «Wir sind Zukunft» erklärte er, wie wir unsere Gärten und Balkone mit einfachen Mitteln zu wertvollen biodiversen Lebensräumen umgestalten. Das ganze Interview können Sie hier lesen:

Die Biodiversität in der Schweiz steht unter Druck. Ein Teil der Lösung liegt jedoch direkt vor der Haustür: Gärten und Balkone können wertvolle Lebensräume für Pflanzen, Insekten und andere Organismen sein. Wie das gelingt, erklärt der Landschaftsgärtner und Naturgartenbauer Pirmin Holdener. Im Interview spricht er darüber, warum ein lebendiger Garten nicht perfekt sein muss, welche Rolle alte Bäume spielen und wie schon kleine Veränderungen die Artenvielfalt fördern können.

Herr Holdener, viele Menschen verbinden einen schönen Garten mit einem perfekt gepflegten Rasen. Sie vertreten einen anderen Ansatz. Was macht einen Naturgarten aus?

Die meisten wünschen sich einen pflegeleichten Garten. Deshalb dominieren oft vertraute Elemente wie Rasenflächen und akkurate Hecken. Was in anderen Gärten entfernt wird, weil es nicht ins Konzept passt, darf im Naturgarten wachsen. Man lässt den Garten aber nicht ziel- und planlos vor sich hin wuchern. Ein Naturgarten lebt vom Vertrauen, entweder in den Gärtner oder in die Natur selbst. Die Kunst liegt nicht darin, alles im Griff zu haben, sondern zu erkennen, wo man loslassen kann.

Erkennen, wann man loslassen kann – wie sieht das konkret aus?

Wir sprechen von kontrollierter Wildnis oder besser gesagt einer natürlichen Dynamik. Klar darf ein Garten weiterhin einen Rasen haben – warum auch nicht? Aber darin dürfen auch Margeriten, Klee oder andere Wildblumen wachsen. Auch die Rasenkanten müssen nicht das ganze Jahr über millimetergenau gezogen sein.

Warum ist diese natürliche Dynamik wichtig?

Äste, Laub oder abgestorbene Pflanzenstängel wirken für viele Menschen unordentlich. Für Insekten, Pilze und zahlreiche andere Organismen sind sie jedoch überlebenswichtig. Was für uns wie Chaos erscheint, schafft wertvolle Lebensräume. Deshalb sollte nicht jede Fläche bis auf den letzten Halm zurückgeschnitten werden. Wenn Teile einer Wiese oder einzelne Stauden über den Winter stehen bleiben, entstehen wichtige Rückzugsorte für Tiere. In abgestorbenen Stängeln überwintern beispielsweise Schmetterlingseier oder Wildbienenlarven. Solche Bereiche müssen nicht direkt vor der Terrasse liegen, sollten aber in jedem naturnahen Garten ihren Platz haben.

Brauchen wir ein anderes Verständnis dafür, was überhaupt ein schöner Garten ist?

Ja, definitiv. Dieses Umdenken findet bereits statt – vor allem in Städten. Dort ist die Biodiversität oft höher als auf dem Land, wo vielerorts noch die Vorstellung herrscht, dass alles kontrolliert und tipptop gepflegt sein muss. Ein schöner Garten muss nicht perfekt aufgeräumt und bis ins letzte Detail kontrolliert sein. Schönheit kann auch in Vielfalt, Lebendigkeit und Natürlichkeit liegen.

Wie sieht es denn mit Unkraut aus?

Die Frage ist doch: Wer entscheidet, was ein Unkraut ist? Das macht der Mensch! Heute spricht man eher von Beikräutern. Eine Margerite gilt im perfekt gepflegten Sportrasen als Unkraut, in einer Blumenwiese hingegen ist sie erwünscht. Natürlich gibt es invasive Arten, die Probleme verursachen können. Aber die meisten Pflanzen erfüllen eine Funktion im Ökosystem.

Welche Rolle spielen alte Bäume?

Alte Bäume besitzen Eigenschaften, die junge Bäume nicht ersetzen können. Allein ihre grosse Krone prägt das Mikroklima und bietet Lebensräume für Vögel, Insekten, Pilze und zahlreiche weitere Organismen. Ein alter Baum lässt sich deshalb nicht einfach durch viele junge Bäume ersetzen.

Was würden Sie Leuten empfehlen, die ihren Garten naturnaher gestalten wollen?

Man muss nicht gleich den ganzen Garten umkrempeln. Oft reichen bereits kleine Veränderungen. Sinnvoll ist es, Pflanzen zu fördern, die einen ökologischen Mehrwert bieten und Nahrung oder Lebensraum für Insekten schaffen. Ein Beispiel ist die Forsythie. Sie wurde vor allem auf ihre auffällige Blüte gezüchtet und hat für die Biodiversität nur einen geringen Wert. Sie bietet keinen Nektar, kaum nutzbare Nahrung für Insekten und bildet in der Regel auch keine Früchte für Vögel. Heimische Sträucher und Wildstauden sind deshalb ökologisch deutlich wertvoller.

Welche Möglichkeiten gibt es auf dem Balkon?

Ein Balkon eignet sich hervorragend für Kräuter, Tomaten oder andere Nutzpflanzen. Wer zusätzlich die Biodiversität fördern möchte, kann beispielsweise Borretsch, Kapuzinerkresse, Salbei, Oregano oder sogar Artischocken pflanzen. Diese Pflanzen sind nicht nur essbar, sondern blühen auch wunderschön und bieten wertvolle Nahrung für Wildbienen, Schmetterlinge und viele weitere Insekten. So lassen sich Nutzen und Biodiversität auf ideale Weise verbinden.

Wenn die Leserinnen und Leser nach diesem Interview nur eine Sache umsetzen würden – welche hätte den grössten Effekt auf die Biodiversität?

Wegkommen vom Gedanken, dass im Garten alles jederzeit perfekt sein muss. Lernen, zu erkennen, wo man loslassen kann. Schönheit entsteht nicht nur durch Ordnung, sondern auch durch Lebendigkeit und Vielfalt.

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